25 Köpfe: Silvia Andrée – ein (Arbeits-)leben auf dem Campus

Silvia Andrée

Der Campus an der Nordhäuser Straße prägte und begleitete ihr gesamtes „Erwachsenenleben“: Als damals 19-Jährige begann Silvia Andrée 1973 hier ihr Lehramtsstudium für Mathematik und Physik an der Pädagogischen Hochschule Erfurt-Mühlhausen (PH). Und bis auf wenige Ausnahmen sollte sich ihr gesamtes weiteres Berufsleben hier abspielen – bis zu diesem Jahr. Seit dem 1. Mai ist die gebürtige Thüringerin nämlich im Ruhestand und schaut mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf eine spannende und zugleich wechselhafte Zeit zurück. Doch von vorn…

Nach dem Lehramtsstudium und der anschließenden Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Pathopsychologie und Diagnostik wurde Silvia Andrée 1982 an der PH promoviert. Anschließend unternahm sie nicht ganz freiwillig einen Ausflug in die Praxis: „Für zwei Jahre verließ ich die Hochschule, um in einem Erfurter Kinderheim zu arbeiten. Rückblickend hat es mir sehr gut getan, mal raus aus der ‚akademischen Wolke‘ zu kommen“, erklärt sie. „In dieser Zeit habe ich einen starken Hang zur Praxis entwickelt, der mir natürlich auch später in der Lehre geholfen hat.“ Denn anschließend kehrte Silvia Andrée als „Lehrerin im Hochschuldienst“ an ihre Alma Mater zurück. Die politische Wende 1989 brachte viele Veränderungen mit sich – auch an der Pädagogischen Hochschule. „Das waren schon schwierige, aber auch aufregende Zeiten“, erinnert sie sich. „Am Institut für Psychologie mussten wir uns erneut auf die Stellen bewerben. Ich hatte Glück und bekam eine unbefristete Anstellung als Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) mit hohem Lehrdeputat, die ich bis zuletzt innehatte.“ Nach 1991 kamen neue Professoren und Studiengänge an die PH – so wurden von nun an auch Grundschullehrer und Förderpädagogen ausgebildet. Nur wenige Jahre später stand bereits die nächste große Veränderung vor der Tür: Die Wiedergründung der Universität Erfurt im Jahr 1994. Auch wenn der Studienbetrieb erst 1999 aufgenommen wurde und sich die Büros der neuen Uni zunächst an der Krämerbrücke befanden, war die Existenz der neuen Hochschule auch an der PH an der Nordhäuser Straße spürbar. „Die Universität war in aller Munde. Und als dann der Gründungsrektor Peter Glotz kam und vom ‚Harvard an der Gera‘ sprach, spielte die PH gefühlt keine Rolle mehr. Da kam man sich manchmal wie das fünfte Rad am Wagen vor“, erinnert sich Silvia Andrée. Doch die Situation sollte sich schon bald ändern– 2001 wurde die Pädagogische Hochschule mit einem Festakt in die Uni Erfurt integriert. Damit fand auch die Lehrerbildung Einzug in das BA/MA-Modell der jungen Universität. Auf Silvia Andrée kam damit eine neue Herausforderung zu. „Von Beginn an war ich an der Konzipierung der zwei Psychologie-Studiengänge beteiligt und von da an Studienfachberaterin. Ich war die Planerin im Fachgebiet, habe die Studierenden ‚geworben‘, Master-Arbeiten betreut und war auch immer beim Hochschulinfotag (HIT) dabei.“ Silvia Andrée lacht: „Kürzlich habe ich sozusagen mein ‚HIT-Silberjubiläum‘ gefeiert – ich war 25-mal dabei und habe am Infostand Studieninteressierte beraten.“

Ob nach all den strukturellen Veränderungen nun mehr Beständigkeit in Silvia Andrées Berufsalltag eingekehrte? „Das auf jeden Fall, aber ich würde nicht sagen, dass sich gar nichts mehr verändert hat“, stellt sie fest. So seien vor allen Dingen in der Studienfachberatung Neuerungen spürbar gewesen. „Die ‚Face-to-face-Beratung‘ ist über die Jahre zunehmend in den Hintergrund geraten – was vor allem den neuen Medien geschuldet ist. Der HIT bildet da noch die Ausnahme.“ Und bei all den Vorteilen der sozialen Medien, sieht Silvia Andrée durchaus auch Gefahren: „Durch die Gewöhnung an die ‚kurzen Wege‘ neigen Studierende immer häufiger dazu, vereinfachte Lösungen zu suchen und recherchieren weniger selbst. So kommt es vor, dass sie anfälliger für Fehlinformationen sind, z.B. bei Studien- oder Prüfungsordnungen.“ Eine weitere Veränderung: „Zu Beginn wäre es völlig undenkbar gewesen, dass zu einem Hochschulinfotag Eltern mitkommen oder sogar mit in der Schnuppervorlesung sitzen. Heute ist das scheinbar normal. Woran das liegt, vermag ich nicht einzuschätzen.“

Ob sie es je bereut hat, ihr gesamtes Arbeitsleben an einem Ort verbracht zu haben? „Nein, das habe ich nie. Ich hätte damals im Kinderheim bleiben können, hatte auch ein Angebot der FH in Fulda, habe mich aber bewusst dagegen entschieden. Über die Jahre habe ich mich mehr und mehr mit der Universität identifiziert und sie liegt mir bis heute am Herzen.“ Und auch wenn sie mal gemeckert habe, „dann nur auf ganz hohem Niveau“. Denn Silvia Andrée hat ihren Job gern gemacht. Was ihr daran so gefallen hat? „Besonders schön war es immer, wenn ich von den Studierenden positive Rückmeldungen bekommen habe. In dem Zusammenhang hat es mich sehr gefreut, wenn Ehemalige in der Nähe waren und sie das Bedürfnis hatten, mich noch einmal zu besuchen oder einfach zu berichten, was sie gerade machen. Und an manchen Entwicklungen hat man ja irgendwie einen gewissen Anteil. In solchen Momenten wurde mir immer wieder bewusst, was ich für einen tollen Beruf habe.“

Und so hat Silvia Andrée die Uni Erfurt vor Kurzem auch mit gemischten Gefühlen verlassen: „Der Abschied war schon eine ambivalente Geschichte – ich bin mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge gegangen, das steht fest. Aber das gehört natürlich zum Leben dazu. Irgendwann ist Schluss.“ Konkrete Pläne habe sie noch nicht für den Ruhestand. „Im Moment fühlt es sich, ehrlich gesagt, noch ein bisschen wie Urlaub an. Nach dem Leben im Vollzeitjob werde ich erst einmal durchatmen und mich dann in Ruhe neu organisieren.“